Hallo, bei meinem letzten Bericht zur A HR 700 habt Ihr evtl. eine R 700 LMS im Hintergrund bemerkt. Die Lok stand nach erfolgter Generalüberholung auf dem Prüfgleis. Ich habe die Lok in einer Zugpackung R 742 LMS ersteigert. 2.000 € plus Aufschläge waren fällig.
Die Packung hat sogar ein originales Label: R 742 mit Zusatzstempel LMS Das besondere: die Lok bzw. der Rahmen hat keine Windleitbleche. Dies ist im Auktionskatalog als "original" /authentisch beschrieben. Nach der Begutachtung im UV-Licht kann ich bestätigen: Die Windleitbleche wurden VOR der Lackierung abgetrennt. Die Lok scheint wirklich im Auslieferungszustand ohne Windleitbleche gewesen zu sein! Die Lok war nicht fahrbereit. Sie tat gar nix! Aber, die Räder incl. Motor ließen sich drehen. Das ist schon mal ein SEHR gutes Zeichen bzw. Voraussetzung für eine Instandsetzung, denn, dann kann man eigentlich alle alten Bauteile benutzen! Ich will an dieser Lok mal die typischen "Problemchen" beschreiben und mit Bildern verdeutlichen. Als erstes wird das Gehäuse abgeschraubt und man wirft einen Blick auf die "nackte" Lok: Man erkennt, dass das Kabel zur Glühbirne mal ersetzt wurde gegen ein "Stoffkabel" bzw. Vorkriegskabel einer Weiche oder Beleuchtung oder so. Das geübtere Auge erkennt darüber hinaus, dass die Isolierscheibe zwischen Beleuchtungssockel und Fahrwerksträger fehlt. Ansonsten scheint erst mal alles i. O. zu sein. Dann schaut man sich die Lok von unten an: Man sieht hier das erste typische Ungemach: Der Spalt bzw. die Bewegungsfuge zwischen Fahrwerk und Rahmen im Bereich der Verschraubung ist nicht mehr vorhanden. Die Schrauben wurden "festgeknallt" bis nix mehr geht. dadurch verzieht sich der Rahmen nachhaltig und das Fahrwerk sitzt verklemmt fest. Man sieht an den Rädern den Flusendreck von jahrzehntelangem Fahrbetrieb: Igittigitt! In der Gesamtansicht von unten:
sieht man vorne die abgebrochenen "Haltenasen" des Fahrwerk und das falsche Stoffkabel vorne. Die Haltenasen brechen sehr leicht ab, wenn das Fahrwerk im Rahmen klemmt und man ungeübt Gewalt anwendet. Wenn der Rahmen verzogen ist und man die seitlichen Schrauben für die Fahrwerksbefestigung anzieht kann sich das Fahrwerk auch seitlich verziehen und dadurch brechen die Nasen. In diesem Fall kann beides als Ursache für die abgebrochenen Haltenasen in Frage kommen. Für die Generalüberholung wird die Lok nun in alle Einzelteile zerlegt. Dafür werden zunächst die Lötstellen am Stromabnehmer und am hinteren Umschalter sowie der Feldspule getrennt. Besonders die Trennung von Rahmen und Fahrwerk erfordert Fingerspitzengefühl. Der Rahmen zerbricht sehr leicht! Mit viel W 40 Öl und GANZ vorsichtig gelingt es meistens ohne Schaden. Dann werden die Teile mit Öl oder einem sehr leichten Lösungsmittel gereinigt. Der Schmutz zwischen Zahnrad und Laufrad wird mechanisch entfernt: Gereinigt sieht das schon besser aus: Und dann beginnen die Reparaturen: Am einfachsten ist die Kabelreparatur bzw. Ersatz - man braucht dafür "nur" einen Fundus alter Kabel... In diesem Fall wird der harzgetränkte Isolierschlauch und das Kupferkabel in der richtigen Stärke für den Lichtanschluss benötigt. Der verzogene Rahmen muss an der klemmenden Stelle geweitet werden - mit einer Trennscheibe kann man Material abtragen: die abgebrochenen Nasen am Fahrwerk werden mit Weld angegossen. Ich habe dafür Formlinge von intakten Teilen abgenommen. Der Kleber härtet 24 Stunden und ist dann schleiffähig und man kann auch Gewinde darin schneiden. Die größte "Baustelle" ist meist die Motormontage: Das Fahrwerk geht üblicherweise auch in die Breite. Dadurch schleift der Motor häufig an der Innenseite des Fahrwerk und besonders gerne an dem Bolzen des Zwischenzahnrades. Der Bolzen muss bündig abgeschliffen werden. Das sieht man in den nächsten Bildern. Zur Zentrierung des Motor im Fahrwerk wird eine dünne Unterlegscheibe auf die rückseitige Motorachse montiert - im nächsten Bild: Man kontrolliert den mittigen Sitz des Motors: Vorher muss man sich leider noch mit den Motorwicklungen beschäftigen, denn die werden an dem Bolzen meist abgeschliffen und reißen dann ab - und dann geht nix mehr! Man sieht die abgeschliffenen und gerissenen Kabel der Motorwicklung auf dem nächsten Bild rechts: Zur Erinnerung: Bei den "kleinen" Loks ist die Trennung der dreigeteilte Schleifscheibe nahezu in Achse mit den Rotoren. Bei der HR 700 sitzt die Trennung ZWISCHEN den Rotoren. Die gerissenen Kabel der Motorwicklungen werden wieder zusammengelötet. Mit ein wenig Übung geht das. Die Unterlegscheibe für den zentrierten Einbau des Motor liegt dabei: Ein weiteres "typisches" Problem entsteht, wenn die Bürstenbrücke den Feldmagnet nicht fest im Fahrwerk hält! Wenn der Feldmagnet lose sitzt dreht der Motor nicht - er brummt nur! Wenn das passiert wird eine Pappe auf die Bürstenbrückensäulen geklebt. dass muss auf Sitz eingeschliffen werden! Dann wird die Kabelage eingebaut / verlötet und man macht den ersten Probebetrieb. So sieht die Lok jetzt aus: Die neuen Nasen musste ich etwas "schräg" angiessen, damit alles mit ausreichend "Spiel" sitzt: Und dann das Gehäuse drauf und fertig: Bilder bzw. Youtube von der Probefahrt incl. den drei "LMS"-Wagen folgen.
Ich hoffe, die Beschreibung ist für den Einen oder Anderen Märklinisten nützlich! Grüße Dampnix Stefan
eine tolle und umfangreiche Arbeit. Eine Sache verstehe ich aber nicht. Du schreibst beim ersten Nahaufnahme-Bild:
"Nach der Begutachtung im UV-Licht kann ich bestätigen: Die Windleitbleche wurden VOR der Lackierung abgetrennt. Die Lok scheint wirklich im Auslieferungszustand ohne Windleitbleche gewesen zu sein!"
Ich sehe auf dem Bild links die Lötstellen des Windleitblechs. Die Stellen wurden aber nicht überlackiert.
Warum wurden die Windleitbleche überhaupt abgetrennt?
Hallo Udo, die Windleitbleche, deutsche Bauart Wagner sind Bestandteil des Gussbauteil. Für die Sonderfertigung „ohne Windleitbleche“ mussten am Gussrohling die Windleitbleche abgetrennt (gesägt, geflext o.ä.) Werden. Danach wurde schwarz lackiert und die roten Seitenstreifen mit einem Schlepppinsel aufgemalt. Ich habe ein weitere englische Lok (HR700 Southern), die als Sondermodell ohne Windleitbleche gefertigt wurde. Die englischen Dampfloks wurden erst ab ca. 1948 mit Windleitblechen ausgestattet. Daher ist der Wunsch der englischen Kundschaft die Loks ohne Windleitbleche zu bekommen sehr nachvollziehbar. Grüße Stefan
Ein sehr schöner Bericht. Ein kleiner Tipp am Rande: Teile, die wie die "Nasen" "auf Kante" angegossen werden, brechen leicht wieder ab. Das kann man weitgehend verhindern, indem man in den Guss kleine Löcheer bohrt (bei den kleinen 700er Rahmen nehme ich 0,5-0,7mm Spiralbohrer), in die ein entsprechender Draht oder auch Kohlefaserstab gesteckt wird, der möglichst weit in den Anguss hieneinreicht. Bei den 700er "Nasen" habe ich diese Drahrbrücken in der Regel doppelt eingebaut. Etwas diffizil ist natürlich das Bohren in die dünnen Gussteile. Das geht nur mit viel Gefühl aus freier Hand. Grüße von elephos
Die Lok fährt etwas laut aber sie war auch nicht richtig geölt… Die Wagen zieht sie auch. Ich habe ein englisches Vor- und Hauptsignal dazugestellt, damit es etwas authentischer aussieht.