#1 Modellbahnproduktion in der frühen Nachkriegszeit von B12 31.10.2012 23:05

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Ich habe das Thema aus dem Höss-Thread nach hier verlagert.

Gruss
Daniel

#2 RE: Höss 00, die unbekannte Bahn von Dieter Weißbach 30.10.2012 10:13

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Hallo,

nach meiner Einschätzung muss man die Entstehungsgeschichte der Höss-Bahn vermutlich in die Jahre 1945 - 1948 einordnen; also in eine Zeit, in der das Unternehmen Märklin unter alliierter Kontrolle hinsichtlich Material- und Personaleinsatz, Produktionsplanung und Vertrieb stand. In dieser Zeit war der Vertrieb von Märklin-Produkten für den deutschen Binnenhandel nahezu eingestellt und dadurch tat sich eine Nische auf, in der ein neues Unternehmen mit Märklin-kompatiblen Produkten eindringen konnte. Märklin konnte in diesen Jahren wohl auch nicht juristisch aktiv verhindern, dass jemand gegen Schutzrechte verstieß. Dies hat sich dann wohl nach der Währungsreform im Sommer 1948 sehr schnell geändert.

#3 RE: Höss 00, die unbekannte Bahn von Blech † 30.10.2012 12:31

Dieter,
da ist mir aber einiges neu!
Märklin kann nicht unter "alliierter" Kontrolle gestanden haben, schlimmstenfalls unter US-Kontrolle.
Und das m.W. auch nicht. Märklin hat zwar primär für PX gearbeitet und für den Export (siehe Vorwort 47er Katalog) -es kamen aber auch immer wieder "Überschüsse" in die deutschen Spielwarenläden, zumindest der US-Zone. Das weiß ich aus eigener Anschauung zur damaligen Zeit.
Zeitzeugen sagen auch, dass einiges aus neuer Produktion oder Lagerbeständen in der britischen und französischen Zone zu haben war -mit Beziehung.
Schöne Grüße
Botho

#4 RE: Höss 00, die unbekannte Bahn von Dieter Weißbach 30.10.2012 14:52

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Hallo Botho,

bekanntlicherweise stand Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg unter alliierter Verwaltung.

Der Einfluss der Alliierten umfasste alle Lebensbereiche - also auch die Wirtschaft - und wurde mit fortschreitender Demilitarisierung, Entnazifizierung und Organisation des täglichen Lebens (Lebensmittelversorgung) zurückgeschraubt. Erst zum Sommer 1948 (Währungsreform) waren auch die deutschen Wirtschaftsunternehmen weitgehend entscheidungsfähig, und zum Mai 1949 mit der Gründung der Bundesrepublik bzw. zum Oktober 1949 mit der Gründung der DDR übernahmen neue politische Strukturen die Regierungsverantwortung.

In Baden-Württenberg waren die Amerikaner die zuständige alliierte Besatzungsmacht. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Alliierten mindestens alle relevanten Unternehmen (aufgrund der Größe, aufgrund der Produkte - Rüstung, aufgrund der Erfindungshäufigkeit - Patente, oder aufgrund der Verwicklung in Kriegsverbrechen - Zwangsarbeitereinsatz etc.) kontrolliert und deren Tätigkeit gesteuert bzw. die Demontagen und Zerschlagungen veranlasst.

Märklin gehörte sicher aufgrund der Unternehmensgröße zu den relevanten Unternehmen und sicher war Märklin auch aufgrund seiner Kompetenzen im Bereich der feinmechanischen und elektrischen Erzeugnisse in die Rüstungsproduktion verwickelt (bei TRIX war das sicher ähnlich). Die Tatsache, dass zwischen Sommer 1945 und Sommer 1948 Märklin-Produkte für private Inlandskunden mit guten Beziehungen gelegentlich zu bekommen waren, aber ohne Beziehungen eben nicht; oder dass gelegentlich Überproduktionen in die Läden kamen, zeigt ja bereits, dass Märklin bis Sommer 1948 noch nicht frei am Markt tätig sein konnte. Dies hängt mit der alliierten Kontrolle der deutschen Wirtschaft in den unmittelbaren Nachkriegsjahren zusammen.

In genau dieser Situation konnten kleine Unternehmen, die nicht so sehr im Blick der alliierten Besatzungsverwaltung waren, in diese Marktnischen eindringen. Es ist sicher kein Zufall, dass diese kleinen Nischenproduzenten nach 1948 schnell wieder vom Markt verschwunden sind, nachdem die großen Traditionsbetriebe wieder handlungsfähig waren und sich der unliebsamen Konkurrenz erwehren konnten.

#5 RE: Höss 00, die unbekannte Bahn von Blech † 30.10.2012 16:52

Sorry, Dieter, da will ich Dir gerne widersprechen!
Das hat nichts mit "alliierter Kontrolle" zu tun, allein mit der Rohstoffbeschaffung. Da gibts ja gerade in Märklin-Literatur einige amüsante Geschichten.
Ich habe dazu schon in den Sechzigern einige Märklin-Leute -auch den Chef der Reparaturabteilung- befragt. Und auch in Nürnberg haben wir recherchiert. Übrigens bin ich ein Kind dieser Zeit (1935 geboren) und weiß sehr genau, wann und wo es was wieder neu gegeben hat. So beispielweise die Mignonbahn 1947(!) in deutschen Läden (amerikanische Zone/Hessen), obwohl ursprünglich für die Kinder der französischen Besatzer bestimmt -siehe Baustil der Lok.
Die Besatzungsmächte waren sogar sehr daran interessiert, dass die deutsche Spielzeugfertigung, beispielsweises in Nürnberg und Göppingen, wieder schnell(!) aufgenommen worden ist -und zwar schon im Sommer 1945 und nicht nur für die Besatzer oder Export!
Es gab sogar von den Siegern unterstützte Exportausstellungen in den Siegerstaaten.
Es war alles etwas anders, als es allgemein dargestellt wird.
Ich erinnere auch mal an Trix. Was wurde da alles immer wieder (ab)geschrieben. Und dann kam bei Matthewsman auf Seite 63 die Trix-Anzeige aus dem Februar 1947, ganz im Gegensatz um "gelben" Trixbuch. Dann das Märchen mit der Herkunft des Markennamens Trix -und ich kannte sogar den "Verursacher" dieses Gags. Das war der Vermieter des Herrn Insam, ein bekannter Scherzbold aber auch Sammler. Wir haben uns immer in Nürnberg bei der Börse getroffen. Damals haben wir toll gelacht -und dann stands im Buch...
Ich habe zum Thema Kriegs- und erste Nachkriegszeit -also auch zum so genannten Herstellverbot von Spielzeug- mehrfach publiziert im Figuren-Magazin und Altes Spielzeug.
Und das nicht ohne gründliche Recherchen.
Schöne Grüße nach Berlin
Botho

#6 RE: Höss 00, die unbekannte Bahn von Dieter Weißbach 30.10.2012 18:08

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Hallo Botho,

so weit sind wir ja gar nicht auseinander.

Es besteht Einigkeit, dass die Produkte von Märklin und TRIX bis zur Währungsreform Juni 1948 nicht in großen Mengen in den deutschen Binnenhandel gelangten. Zum Weihnachtsfest 1948 erreichten die Lieferungen wieder angemessene Größenordnungen. Vor Juni 1948 gab es nur bei guten Beziehungen (und vermutlich auch entsprechenden Zuzahlungen, außerdem mit Bezahlung mit der wertlosen Reichsmark ) in Einzelfällen etwas für deutsche Käufer.

Bei TRIX gibt es sogar überhaupt keine Karton-Etiketten, die auf eine Nachkriegs-Produktion von Modellbahnen vor 1948 hinweisen. Was TRIX in den Jahren 1945 - 1948 wirklich produziert hat, ist derzeit unbekannt. Die von Dir genannte TRIX-Anzeige bleibt sehr nebulös, aber offenbar war das TRIX-Werk aktiv und musste etwas produzieren. Geräte für die amerikanische Luftwaffe ? Aber höchstwahrscheinlich keine Modellbahnen. Sonst würde man etwas davon gefunden haben, vor allem bei ebay-Käufen in den USA.

Die Mignon-Bahn lässt sich gut erklären. Die zunächst eigenständigen Zonen wurden im Januar 1947 zur Bizone und im März 1948 zur Trizone zusammengeführt. Ein zonenübergreifende Handel war nicht verboten, er musste nur von den Alliierten Kommissionen genehmigt werden. Die Mignon-Bahn von Staiger war ein Nischenprodukt. Der Hersteller hatte als Kleinbetrieb mehr Freiheiten und durch den Einsatz von Kunststoffen (z.B. bei den Wagen) ging es auch nicht um große Mengen von Metallmaterialien, die die alliierten Steuerungsvorgaben störten.

Bei Höss sah die Materialbilanz evtl. anders aus, allerdings sind heute auch nur sehr wenige Höss-Bahnen bekannt. Es wurden also nur sehr kleine Stückzahlen produziert.

#7 RE: Höss 00, die unbekannte Bahn von cmnhorsebreeder 30.10.2012 19:59

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Kennt Ihr noch den alten Schlager:
"Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien..." ?
- Dieses nur mal anbei von Claudia -

#8 RE: Höss 00, die unbekannte Bahn von Dieter Weißbach 31.10.2012 10:17

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Hallo Botho,

ich möchte gerne noch den Text in der von Dir genannten TRIX-Anzeige (vermutlich in der Deutschen Spielwarenzeitung, die Quelle wird in englischer Sprache mit "in a German Toy Trade magazine" umschrieben) vom Februar 1947 wiedergeben. Es handelt sich dabei um das erste bekannte "Lebenszeichen" / Dokument von TRIX nach dem Zweiten Weltkrieg.


TRIX

An unsere Freunde !

Unser Werk ist erhalten geblieben.
Zur Zeit arbeiten wir nur für den Export
und bitten deshalb von Anfragen abzusehen.
Hoffentlich ist die Zeit nicht mehr fern, wo
wir ihren Bedarf wieder decken können.

TRIX - Vereinigte Spielwaren-Fabriken
Nürnberg N

Die schmale Anzeige besitzt einen dunklen Hintergrund,
die Texte sind weiß gedruckt. In der oberen Hälfte ist eine
Fachwerk-Kranbrücke zu sehen (Bezug zum Metallbaukasten),
in der unteren Hälfte findet sich die bekannte Nachtaufnahme
der 01 020 von Fritz Eschen, die die Vorkriegsauflagen des
TRIX 1:90 Handbuchs ziert.


Es ist bislang nicht bekannt bzw. nicht belegt, was der Hinweis
"Zur Zeit arbeiten wir nur für den Export ..."
konkret bedeutet.

TRIX konnte bis Ende 1940 und vermutlich noch einige Monate
im Jahr 1941 Modellbahnen produzieren. Eventuell kam es auch
noch zu Sonderfertigungen von Modellbahnen für den Weihnachtsverkauf
1941, 1942 und 1943. Es wurde mehrfach berichtet, dass es in den
genannten Jahren noch TRIX Modellbahnen Weihnachten gekauft wurden.
Ob dies frisch produzierte Ware war, oder Lagerware von TRIX oder von
den Händlern, ist nicht mehr bekannt.

Siehe hierzu auch:
http://trixstadt.de/trix-express-geschic...zeugproduktion/

Auf jeden Fall musste TRIX seine Fertigung umstellen Es ist anzunehmen,
dass TRIX im Laufe des Jahres 1941 (fast) nur noch kriegswichtige Produkte herstellte.
Rudolf Insam nannte in einem Interview "feinmechanische Geräte für die Luftwaffe",
Hans Zschaler erwähnte "thermoelektrische Geräte für die Wehrmacht". Genauere
Informationen sind bislang nicht bekannt.

Anfang 1943 wurde die Rüstungs-Produktion im TRIX-Werk aus dem Nürnberger
Stadtgebiet nach Spalt (im Südwesten von Nürnberg, rd. 30 km vom Stadtzentrum
entfernt) verlagert, um den zunehmenden Bombardierungen der Allierten
auszuweichen.

Das TRIX-Werk hatte sich von einem innovativen Modellbahnhersteller zu einem
Produzenten von Rüstungsgütern entwickelt. Für Märklin wird ähnliches gelten.

Dies erlaubt folgende, bislang nur auf Zusammenhänge, aber nicht auf konkrete
Belege gestütze These:

Man darf annehmen, dass sich die hervorragende Qualität der TRIX- und Märklin-
Produkte auch auf dem Gebiet der Rüstungsproduktion zeigte. Wenn man außerdem
den Erfindungsreichtum der beiden Firmen auf dem Gebiet der Modellbahn betrachtet,
werden sie auch auf diesem neuen Felde weitere Entwicklungen vorangetrieben haben.

Man darf weiterhin annehmen, dass beide Unternehmen mit ihren Erfahrungen und
technischen Möglichkeiten auch nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Gebiet der
Rüstungsproduktion tätig waren, nur wird nun die amerikanische Besatzungsmacht
der Auftraggeber gewesen sein. Es könnte sich dabei um Relais, Kleinstmotoren,
elektromechanische Stelleinrichtungen usw. für die Luftfahrt gehandelt haben.
Die Entwicklung und Produktiion von kleinen aber sehr zuverlässigen Motoren und
Schalteinrichtungen war für die Luftfahrtentwicklung dieser Jahre (Düsenflugzeuge, Raketen)
von besonderer Bedeutung.

Zunächst wird es um die Produktion gegangen sein, bald wird aber der Wissenstransfer
zu amerikanischen Firmen im Vordergrund gestanden haben. Dies gab es ja in vielen
anderen Bereichen auch, bis hin zur "Mitnahme" der Experten.

In diesem Zusammenhang kann auf den bekannten Distler-Motor hingewiesen werden.
Distler gehörte bekanntlich ebenfalls zu Voelk, wie TRIX.

Die Alliierten, hier speziell die Amerikaner, werden daher die beiden Firmen TRIX und
Märklin unter besonderer Beobachtung gehabt haben.

Soweit die These.

#9 RE: Höss 00, die unbekannte Bahn von Blech † 31.10.2012 11:52

Dieter,
die Herkunft der Trix-Anzeige war mir bekannt. Um was soll es sich beim Export denn handeln, wenn nicht um Eisenbahnen?
Was Märklin zur Kriegszeit produziert hat, ist jedenfalls bekannt.
Deinen Thesen zum Techniktransfer kann ich auf diesem Sektor nur sehr schwer folgen.
Ich denke, zum Thema Märklins Kriegsproduktion wird sich demnächst Bodo äußern.
Richtig ist, dass Märklin schon im Sommer 1945 wieder Eisenbahnen produziert hat.
Aber das ist hier in diesem Thread auch weniger gefragt, hier geht es um Höss.
Freundliche Grüße nach Berlin
Botho

#10 RE: Höss 00, die unbekannte Bahn von B12 31.10.2012 12:30

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Wäre es nicht angebracht, die Diskussion in 2 Threads aufztueilen?

Gruss
Daniel

#11 RE: Höss 00, die unbekannte Bahn von Dieter Weißbach 31.10.2012 12:55

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Hallo Daniel,

ja und nein.

Der eine Aspekt betrifft die Produktion der beiden großen Modellbahnhersteller TRIX und Märklin in den Kriegsjahren und in den Jahren kurz danach bis Sommer 1948. Für einige Jahre konnten die beiden Firmen den Markt nicht in gewohnter Weise mit Modellbahnen beliefern. Das ist ein spannendes Thema, weil nur wenig darüber dokumentiert ist, aber offensichtlich viel hinter den Kulissen passiert ist.

Der andere Aspekt - nämlich die sich öffnende Marktnische und das kurzzeitige Entstehen neuer Firmen wie Höss, Staiger Mignon, Rokal und einige andere - hängt direkt mit dem ersten Aspekt zusammen.

In den Jahren 1945 - 1948 begannen einige neue Firmen mit dem Bau von Modellbahnen, weil der Markt von den beiden Großen nicht (bzw. nicht ausreichend) beliefert wurde. Das war übrigens auch im Osten Deutschland so, in Österreich (Tornado, Liliput), in Spanien (Invicta) und in Portugal (Vacminel). Die meisten neuen Firmen konnten sich aber nicht lange halten, nachdem die beiden Platzhirsche Märklin und TRIX ab Sommer / Ende 1948 wieder in Erscheinung traten und ihre Rechte durchsetzten. In Ostdeutschland hatten die neuen Privatfirmen mit dem Problem zu kämpfen, dass die "staatliche" Neugründung des Modellbahnherstellers PICO / Piko die marktbeherrschende Position einnehmen sollte.

Man könnte also durchaus den ersten Aspekt ausgliedern und gegenseitig auf die Diskussionen verweisen.

#12 RE: Höss 00, die unbekannte Bahn von Blech † 31.10.2012 16:10

Ja, Daniel,
es ist richtig zu teilen.
Denn das hier ist der Höss-Thread.
Wenn man dann zur allgemeinen Lage in der frühen Nachkriegszeit kommen will, sollte man das an anderer Stelle machen.
Das wird viel zu sagen sein. Denn das, so wie es Dieter darstellt, stimmt nicht ganz -zumindest nicht mit den ausländischen Anbietern wie Liliput, Vacminel oder Invicta -schon zeitlich nicht. Und somit ist das ein ganz anderes Blatt. Auch die Sache mit der Kriegsproduktion von Märklin oder Trix gehört nicht in die Höss-Suche. Alles zu seiner Zeit.
Schöne Grüße aus Hessen
Botho

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