#1 Spielwarenmesse Nürnberg von Dieter Beckh 14.11.2020 19:51

Hallo an die Interessierten.

die Spielwarenmesse Nürnberg - seit einigen Jahren heißt sie International Toy Fair - sollte Ende Januar 2021 stattfinden.
Sie wurde wegen Corona abgesagt, soll eventuell im Sommer stattfinden.

Dies ist Anlaß, in lockerer Folge einige Beiträge zur Geschichte der Messe zu bringen, erinnere ich mich doch gerne
an meine Besuche der Messe.





Die 1. Deutsche Spielwarenmesse fand vom 13.-18. März 1950 statt, in zumeist behelfsmäßigen Gebäuden.
Ab 1958 war sie die Internationale Spielwarenmesse, Wirtschaftsminister Ludwig Erhard hatte sich persönlich
für die Öffnung für ausländische Hersteller eingesetzt.

Warum fand die Spielwarenmesse 1950 überhaupt in Nürnberg statt, und nicht anderswo ?
Darüber informiert mein Beitrag in SPIELZEUGKULTUR Heft 2/2016.
Zur Ergänzung der Messestand 1964 der Fa. Ottmar Beckh KG.

Ich grüße Euch aus Nürnberg
Dieter


Mod-Edit: Bilder groß dargestellt

#2 RE: Spielwarenmesse Nürnberg von Dieter Weißbach 14.11.2020 20:05

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Hallo Dieter,

schau bitte nochmal in diese Anleitung und gehe Schritt für Schritt vor:

Bilder direkt einbinden

Wenn man das ein paar mal gemacht hat, prägen sich die wichtigen Dinge
schnell ein.

Vielleicht kann Daniel diese Anleitung etwas mehr in den Vordergrund rücken,
damit sie schneller gefunden wird.


Ich habe Deine Bilder durch die Einfügen-Funktion und anschließende Auswahl
Vollbild groß dargestellt.



P.S.: Ich habe auch nicht Informatik studiert, davon habe ich überhaupt keine Ahnung.

#3 RE: Spielwarenmesse Nürnberg von Dieter Beckh 16.11.2020 16:05

Hallo an alle Interessierten,

mein Deutschaufsatz hält aller Quellenkritik stand.
In der Zeitschrift SPIELZEUG-LADE, ab 1949: das SPIELZEUG des Verlages Meisenbach, Bamberg finden wir viele Klagen von Spielzeugherstellern und Großhändlern über die unzureichenden Bedingungen auf den Messen Frankfurt und Köln.

Im Herbst 1949, während der Messe Frankfurt, beschlossen die folgenden Herren, eine Deutsche Spielwaren-Fachmesse zu gründen, die im Frühjahr 1950 in Nürnberg erstmals durchgeführt werden sollte:
- Hans Mangold, Fa. Georg Adam Mangold (GAMA),
- Carl Ehmann, Fa. Märklin, beide Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Spielwarenindustrie des Vereinigten Wirtschaftsgebietes (amerikanische und britische Besatzungszone)
- Ernst Horn, Hauptgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft,
- Arno Drottboom, Direktor der VEDES.

Als Organisator für die 1. Messe schlugen sie Fritz Drescher vor.

Wer ist Fritz Drescher ?
Ich habe ihn persönlich gekannt, er war Klassenkamerad meines Vaters.
Beide Jahrgang 1906, machten sie 1925 das Abitur am Realgymasium Nürnberg (dort machte auch ich 1960 das Abitur).
Die Abiturklasse meines Vaters hatte auch nach 1945 einen guten Zusammenhalt, man besuchte sich, ich habe viele Klassenkameraden meines Vaters gekannt.

Der Vater von Fritz Drescher war früh gestorben, deshalb konnte er aus wirtschaftlichen Gründen nicht studieren (Bafög gab es damals nicht).
Fritz Drescher ging zur Polizei.
Als nach 1933 die Polizei immer mehr unter den Einfluß der NSDAP geriet, wechselte Fritz Drescher als Oberleutnant zur Wehrmacht.
Er wurde Versorgungsoffizier (heute sagt man Logistik dazu), machte rasch Karriere, wurde zur Generalstabsausbildung kommandiert.
Am Ende der Krieges war der Oberst i.G. Drescher Versorgungsoffizier einer Armee an der Ostfront.

Als sich die Kapitulation abzeichnete, suchte das Oberkommando der Wehrmacht einen Offizier, der für die britische Armee ein geeigneter Ansprechpartner sein sollte für die Soldaten, die im Norden Deutschlands in die britische Gefangenschaft gehen würden. Ein Frontkommandeur kam wohl nicht in Frage.
Die Wahl fiel auf den Oberst Drescher.

Doch ein Oberst wäre für die Tommys kein Gesprächspartner, den sie akzeptiert hätten.
Also wurde Fritz Drescher, 39 Jahre alt, kurz vor der Kapitulation zum Generalmajor befördert.

Jemand mit der Erfahrung des Generals Drescher kann führen, kann planen kann organisieren und improvisieren.
Also kann er auch innerhalb eines halben Jahres eine Spielwarenmesse im noch weitgehend zerstörten Nürnberg auf die Beine stellen.
Fritz Drescher wurde Geschäftsführer der Spielwarenmesse eGmbH (einer Genossenschaft), später mit dem Titel "Messedirektor".
Er blieb das erfolgreich bis 1974, 25 Jahre lang, anschließend bis 1976 beratend.

Vor Jahren verfaßte ich einen Zeitschriftenartikel, in dem ich auch die militärische Karriere von Fritz Drescher würdigte.
Der Artikel wurde abgelehnt, mit Nazis wolle man nichts zu tun haben.

Ich bin dann ins Staatsarchiv Nürnberg und habe die Entnazifizierungsakte von Fritz Drescher eingesehen.
Kein Hinweis auf Beteiligung an einem Kriegsverbrechen.
Aussagen ehemaliger Untergebener, die Drescher als korrekten Offizier schilderten, der die Fürsorgepflicht gegenüber seinen Untergebenen ernst nahm.
Der sich für Soldaten einsetzte, die durch unbedachte politische Äußerungen Schwierigkeiten mit der Gestapo hatten.

Fritz Drescher erhielt das Bundesverdienstkreuz, da hatte der Verfassungsschutz gewiß seine Vergangenheit gründlich durchleuchtet.
Im Staatsarchiv auch der Schriftwechsel der Bayerischen Staatskanzlei mit dem Regierungspräsidenten von Mittelfranken.
Fritz Drescher sollte nämlich auch den Bayerischen Verdienstorden erhalten, also nochmals Überprüfung auf "braunes".

Als i-Tüpferl eine Insider-Information:
Den Beschluß für die Gründung einer Spielwarenmesse faßte auch der eingangs erwähnte Ernst Horn.
Ernst Horn hatte einen Schwiegersohn. Name: Fritz Drescher.
Doch Schwiegersohn hin oder her, Fritz Drescher war der richtige Mann für die Spielwarenmesse Nürnberg.

Das Foto zeigt Fritz Drescher und einen bekannten Zigarrenraucher auf der Messe 1957.

Ich bin Fritz Drescher des öfteren begegnt. An den festen Händedruck des Herrn General erinnere ich mich heute noch.

Ich grüße Euch aus Nürnberg
Dieter

#4 RE: Spielwarenmesse Nürnberg von Dieter Weißbach 16.11.2020 17:24

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Hallo Dieter,

vielen Dank für diesen interessanten Blick in das Jahr 1950.

Viele Jahre lang war die Leipziger Messe der traditionelle Standort für die Spielwarenfabrikanten.
Die Nürnberger BING Werke AG hat sogar 1919 mit der Concentra AG ein eigenes Vertriebsunternehmen
gegründet und hierfür in der Leipziger Innenstadt ein eigenes Gebäude errichtet, nicht weit vom
1929 eröffneten Petershof entfernt.

Auch nach dem Krieg war Leipzig zunächst der Ort, wo sich die Modellbahninteressierten und Händler
trafen. Allerdings fehlten die großen Hersteller aus dem Westen, aus Nürnberg und Göppingen.

In Böttchers Modellbahnen-Welt, Prospekt 68 vom Mai 1949 ist ein aufschlussreicher Bericht abgedruckt,
den Udo uns hier im Forum niedergeschrieben hat:

Messetreffen der Eisenbahnfreunde 1949 in Leipzig

#5 RE: Spielwarenmesse Nürnberg von Dieter Beckh 16.11.2020 19:06

Hallo Dieter,

danke für die Info.
In den ersten Nachkriegsjahren besuchten viele Einkäufer noch die Messen in Leipzig.
Die Hefte der SPIELZEUG-LADE in diesen Jahren enthalten nicht nur die Inserate der Leipziger Messe, sondern auch anschauliche Schilderungen der Widrigkeiten.
Unterkunft, Restaurants, unverständliche Bürokratie, unzumutbare Reisezeiten, wegen der Demontage der Gleise nur eingleisige Strecken nach Leipzig, Fahrzeit Müchen - Leipzig 10 Stunden usw.

Wenn anderes aufgearbeitet und veröffentlicht ist, mache ich daraus einen Beitrag für AS oder einen Vortrag für das HTS-Forum.

Viele Grüße
Dieter

#6 RE: Spielwarenmesse Nürnberg von WolKo 16.11.2020 21:19

Hallo Dieter,
vielen Dank für den super Bericht # 3 und das tolle Foto von den beiden Prominenten. War immer ein Fan des "Dicken"!
Viele Grüße
Wolfgang

#7 RE: Spielwarenmesse Nürnberg von Eugen & Karl 17.11.2020 15:12

Hallo,

auch Fritz Drescher selbst hat seine Erinnerungen zu Papier gebracht:

Fritz Drescher, Die ersten 25 Jahre der Nürnberger Spielwarenmesse, Meisenbach (in Komm.), Bamberg 1976, ISBN 3-875-o32-x


Viele Grüße,

Bodo

#8 RE: Spielwarenmesse Nürnberg von Weichenlaterne 17.11.2020 15:58

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... Ein interessantes Buch .

#9 RE: Spielwarenmesse Nürnberg von Blech † 17.11.2020 16:28

Leute -
zum Thema Spielwarenmesse gibt es noch ein sehr interessantes Buch:
"Morgen Kinder wird's was geben!" Spielwarenwerbung der 30er - 60er Jahre.
Tümmler-Verlag, 2003, 144 Seiten.
Das sind durchweg großformatige Anzeigen im Zusammenhand mit der Messe.
Ich blättere dieses Buch immer wieder mal durch -und bin immer wieder über die Anzeigen erstaunt.
Wir ideenreich doch die Papier-Werbung vor der TV-Zeit und dem PC gewesen ist!
Beste Grüße aus Südhessen
Botho

#10 RE: Spielwarenmesse Nürnberg von Weichenlaterne 17.11.2020 19:07

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...auch das ist ein sehr interessantes Buch ,Botho

#11 RE: Spielwarenmesse Nürnberg von aus_Kurhessen 17.11.2020 20:51

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Zitat von Dieter Beckh im Beitrag #3
Das Foto zeigt Fritz Drescher und einen bekannten Zigarrenraucher auf der Messe 1957.



Ach, jetzt weiß ich auch wer der Herr ohne Zigarre ist. Das Foto kenne ich aus dem ROKAL-Katalog von 1957. Ich dachte immer, es sei ein Vertreter der Firma ROKAL.

#12 RE: Spielwarenmesse Nürnberg von Dieter Beckh 20.11.2020 13:23

Leute, Ihr seid so schnell ....

Als meinen nächsten Beitrag zur Geschichte der Spielwarenmesse hatte ich geplant, das Buch von Fritz Drescher vorzustellen.
Er verfaßt es 1976, nachdem er als erfolgreicher Messedirektor in den Ruhestand getreten war.

Umfang 119 Seiten, Format DIN A 5,
ISBN 3-875-o32-x, Verlag Meisenbach Bamberg

Das Buch ist sicherlich im Bestand vieler Stadtbibliotheken,
ist (bei etwas Geduld) antiquarisch zu finden, z.B. bei zvab.com

Das Inhaltsverzeichnis zeigt, daß der Autor eine Generalstabsausbildung hat.
Doch das darf nicht abschrecken. Das Buch ist flüssig geschrieben, Lexikalisches ist im umfangreichen Anhang enthalten.

Das Buch mit seinen vielen Fotos ist auch ein zeitgeschichtliches Dokument.
Die Probleme, im weitgehend zerstörten Nürnberg die Aussteller und Besucher unterzubringen.
Die Behelfsbauten, mit denen aber bei weitem nicht alle Wünsche der Aussteller erfüllt werden konnten.
Es wurde gebaut, gebaut und gebaut, fast im Jahresrythmus. Das Buch enthält dazu Fotos und Lagepläne.

Die Lektüre ist auch deshalb fesselnd, weil Fritz Drescher zu den Fakten auch das "drumherum" schildert.
Ein Beispiel:
Ludwig Erhard, Bundesminister für Wirtschaft, forderte die Internationalisierung der Messe.
Viele Spielwarenfabrikanten lehnten das ab, weil die Japaner ihre Artikel hemmungslos kopierten.
Im Mai 1957 war eine Delegation bei Ludwig Erhard himself. Sie legten ihm zwei japanische Artikel vor, die sklavische Nachahmungen deutscher Artikel waren.
Ludwig Erhard war empört, nahm die Artikel an sich und legte sie dem Kabinett und dem japanischen Botschafter vor.
Ludwig Erhard war der Ansicht, Maßnahmen gegen das Kopieren durch die Japaner hätten nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn die Spielwarenmesse sich nicht abkapsele.
1958 fand dann die erste Internationale Spielwarenmesse statt. Ohne die Öffnung für ausländische Aussteller hätte die Spielwarenmesse nicht den großen Erfolg gehabt, den sie bis heute hat.

Abschließend der Hinweis auf die 11 Seiten "Aus der Messe-Schmunzelkiste". Denn in 25 Jahren hat sich auch viel Anekdotisches angesammelt.

So viel für heute, Fortsetzung folgt.
Dieter

#13 RE: Spielwarenmesse Nürnberg von Dieter Beckh 20.11.2020 13:58

#14 RE: Spielwarenmesse Nürnberg von Blech † 20.11.2020 14:13

Dieter -
ich habe dieses Buch seinerzeit aus Nürnberg bekommen,
mit wirklichem Genuss gelesen -und kann es nur jeder Sammlerin/jedem Sammler empfehlen.
Beste Grüße nach Nürnberg
Botho

#15 RE: Spielwarenmesse Nürnberg von Udo 20.11.2020 20:58

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Hallo,

bei Booklooker gibt es das Buch ab 4,90 EUR plus Versand.

https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/An...=Drescher+Fritz

Schönen Gruß
Udo

#16 RE: Spielwarenmesse Nürnberg von cmnhorsebreeder 21.11.2020 12:13

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Danke, Udo!
Gekauft für 6€....

Liebe Grüße von Claudia

#17 RE: Spielwarenmesse Nürnberg von Dieter Weißbach 21.11.2020 12:42

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Danke Udo, ich habe für 4,90 Euro gekauft

#18 RE: Spielwarenmesse Nürnberg von Dieter Beckh 21.11.2020 15:27

Liebe Claudia,
viel Spaß bei der Lektüre !!!
Liebe Grüße
Dieter

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